Schlafserie #11 – Jäger & Sammler Schlaf, Epigenetik und Aussehen bei Schlafmangel


Der Schlaf der Jäger und Sammler

Bei vielen gesundheitlichen Fragen ist es ein guter Ansatzpunkt sich die Evolution des Menschen vor Augen zu halten und zu schauen, wie unsere Vorfahren ohne die rasanten Änderungen der letzten Jahrzehnte gelebt haben. Somit beschäftigt sich auch die Schlafforschung ausgiebig mit noch aktiven Jäger und Sammler Stämmen, wie z. B. den Hadza aus Tansania. Führt man die Erkenntnisse über die Lebensweisen alter Stämme mit moderner Wissenschaft zusammen, ist man oftmals in der Lage sich ein gutes Bild über entsprechende Strategien und Taktiken zu verschaffen. Dieses sind in unserem jetzigen Umfeld immens hilfreich und bieten ein gelungenes Gedankengerüst.

Wie man sich das Jäger und Sammler Leben vorstellt

Vor ca. 12.000 Jahren richtete sich der Schlaf- und Essenszyklus nach der Sonne. Dies bedeutet, dass man kurz vor dem Sonnenaufgang mit den Tieren aufsteht und sich mit dem Sonnenuntergang schlafen legt. Das sorgt wiederum für einen von der Sonne beeinflussten stabilen circadianen Rhythmus aufgrund von perfekten Lichtgegebenheiten und einer natürlichen Temperaturkurve. Zudem ist zu beobachten, dass oftmals am Morgen und lange vor dem Schlafengehen gegessen wurde. Natürlich gehörte wenig intensive Aktivität für lange Perioden zum Alltag, da die Jäger und Sammler nicht stationär lebten. Das Jagen erforderte physische und mentale Ausdauer, Teamarbeit und spezielle Fertigkeiten. Perioden des Fastens gehörten zum Alltag, aber auch Perioden des Essens nach Belieben.

Dies ist natürlich eine verkürzte und sehr simple Darstellung, welche dennoch den Punkt der immensen Diskrepanz zwischen unseren Lebensweisen darlegt.

Nicht alle Jäger und Sammler Stämme hatten ähnliche Verhaltensweisen und Essgewohnheiten. Diese waren nämlich abhängig von den Längen- und Breitengraden, in denen sie lebten, oder von stammeseigenen Bräuchen und Sitten.

Bei der weiteren Untersuchung dieser Verhaltensweisen in den letzten Jahren stieß man auf Verhaltensweisen, welche man so nicht erwartet hatte und welche unseren Vorstellungen über optimalem Schlaf nicht erfüllen:

Ein Teil der Literatur stützt sich auf den Fakt, dass die meisten der untersuchten Stämme im Durchschnitt weniger als die heutige Empfehlung schlafen. In Stämmen, welche einen monophasischen (eine Schlafphase) Schlafzyklus verfolgen, werden durchschnittlich sechs bis sieben Stunden Schlaf beobachtet. Bevor diese Beobachtung jedoch zur Bekräftigung des eigenen Schlafdefizits benutzt wird, sollte man sich bewusst sein, dass es sich hierbei um die reine Schlafenszeit handelt. Dies ist nicht die gesamte Zeit im Bett, welche oftmals bei den Jägern und Sammlern sieben bis achteinhalb Stunden beträgt. Außerdem können kurze Ruhepausen während des Tages beobachtet werden. Wie zudem schon oben angesprochen, sind die Schlafbedingungen um einiges optimaler und es scheint eine kürzere Schlafdauer aus einer gesteigerten Regularität, Durchgängigkeit und Qualität zu resultieren.

Die Arbeit des Forschers David Samson[1] zeigt weitere interessante Verhaltensweisen der noch urig lebenden Stämme dieser Welt. Beispielsweise beobachtete er in einem Stamm, dass es durchschnittlich nur 18 Minuten in der gesamten Nacht gab, an welchen alle Mitglieder gleichzeitig geschlafen haben. Dies ist sowohl darauf zurückzuführen, dass Mitglieder wach bleiben müssen, um Schutz für die anderen zu gewährleisten. Weiterhin spielen hier die verschiedenen Variationen an Chronotypen eine Rolle, welche immense Unterschiede in der Zeit des Zubettgehens mit sich bringen. Zum Beispiel blieben Jugendliche häufiger länger wach und schliefen dafür in den Tag hinein.

Dies führte heute noch zu dem Problem, dass viele Jugendliche unter dem „Verspätetem Schlafphasen Syndrom“ leiden, da sie genetisch nicht auf die schul- und arbeitsweltübliche Zeit angepasst sind und somit arg in ihrer Schlafdauer und Schlafqualität eingeschränkt werden.

Zu guter Letzt ist anzumerken, dass uns die verschiedensten Schlafmuster unterschiedlichster Stämme zeigen, dass der Mensch sehr anpassungsfähig ist und es nicht den einen einzigen richtigen Weg gibt das Schlafverhalten zu gestalten. Festzuhalten ist dennoch, dass sich alle im Einklang mit der Natur und ihrer Genetik verhalten, was wiederum zu einem sehr konstanten und qualitativen Schlafzyklus führt. Halten wir uns nicht an diesen Rhythmus,

leidet unsere Leistungs- und Aufmerksamkeitsfähigkeit und auch ohne Schlafmangel erleben wir einen eingeschränkten Tag.

Epigenetische Veränderung durch Schlafmangel

Eine interessante Sichtweise verschafft die Studie[2] Effects of insufficient sleep on circadian rhythmicity and expression amplitude of the human blood transcriptome“, welche sich mit den epigenetischen Auswirkungen von zwei Stunden Schlafmangel am Tag auseinandersetzt. Diese zeigt eine regelrechte „Genmanipulation“ an sich selbst. Und obwohl viele Menschen Methoden wie CRISPR oder genmanipulierte Lebensmittel keinesfalls akzeptabel finden, unterziehen sich Millionen von Menschen unwissentlich einer Genveränderung.

Wie anhand der angesprochenen Studie zu sehen ist, reicht ein täglicher Schlafmangel von zwei Stunden über sieben Tage aus, um in den 26 untersuchten, gesunden Personen eine Aktivitätsveränderung von sage und schreibe 711 Genen zu bewirken. Dies entspricht circa drei Prozent des 20.000 Genen großen Genoms und fällt somit beträchtlich ins Gewicht. Von diesen 711 Genen wurden ziemlich genau 50 % hoch und 50 % herunter reguliert. Hierbei werden die hoch regulierten Gene mit chronischen Entzündungen, Tumorproduktion und kardiovaskulären Krankheiten assoziiert, während herunterregulierte unter anderem das Immunsystem betreffen.

Nehmen Sie also Ihren Schlaf ernst und fallen Sie nicht einem als gesellschaftlich normal angesehenen Schlafmangel von zwei Stunden zum Opfer.

Das äußere Erscheinungsbild

Die sogenannte „Schweden Studie“[3], welche 2017 ausgetragen wurde, bewies den vielen schon bekannten Zusammenhang zwischen Schlafmangel und der sozialen Attraktivität, wie auch dem äußeren Erscheinungsbild. Hierfür wurden von der gleichen Person ein Bild nach einem Schlafdefizit und eins nach einer erholsamen Nacht gemacht. Diese zeigte man verschiedenen Personen und ließ diese nach den zwei oben angesprochenen Kriterien einschätzen. Offensichtlich korrelierte die subjektive Attraktivität mit dem Grad der Erholung sehr stark. Somit gewinnt das Wort „Schönheitsschlaf“ also auch eine wissenschaftliche Bedeutung.

Wenn man sich vor Augen hält, wie viel Zeit und Geld für ein angenehmes Aussehen im sozialen Leben aufgebracht wird, scheint es gerade paradox, dass der Schlüssel zu erfüllenden Beziehungen alleinig der Parameter Schlaf sein kann. Denn nicht nur das Aussehen verändert sich, sondern auch alle anderen kognitiven und interpersonellen Fähigkeiten, wie der Humor, die Artikulation oder die Aufmerksamkeit werden positiv beeinflusst.


Quellen:

[1] http://utoronto.academia.edu/DavidSamson/

[2] Effects of insufficient sleep on circadian rhythmicity and expression amplitude of the human blood transcriptome. Carla S. Möller-Levet, et al., PNAS, 2013 (https://www.pnas.org/content/110/12/E1132) [3] Negative effects of restricted sleep on facial appearance and social appeal. Tina Sundelin, et al., Royal Society Open Science, 2017 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5451790/)

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© 2019 - 2020 Thorben Sauermann, Illustrationen von Huang Yixin

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